Solingen
Untere Wernerstraße
Vertrauensbruch
 
In der Unteren Wernerstraße klafft eine Lücke. Hier stand das Haus der Familie Genç.

Rassistischer Brandanschlag

am 29. Mai 1993

Es war eigentlich eine ganz normale "Gastarbeitergeschichte". Durmuş Genç kommt 1970 nach Deutschland. Er wohnt im Wohnheim und arbeitet im Akkord. Seine Frau folgt ihm drei Jahre später, ihre vier Kinder lässt sie zunächst in der Türkei, drei weitere werden in Solingen geboren.

Mit dem Brandanschlag auf ihr Haus in der Unteren Wernerstraße in der Nacht zum 29. Mai 1993 ändert sich alles. Fünf Mitglieder der Familie kommen in den Flammen ums Leben. Sie werden Opfer rechtsradikaler Verblendung.

Der Brand- und Mordanschlag von Solingen ist der Höhepunkt in einer Serie politisch motivierter ausländerfeindlicher Verbrechen. In Rostock, Hoyerswerda, Hünxe und Mölln hatten Rechtsextremisten schon zuvor Flüchtlingsheime und Wohnungen von Migranten angegriffen und dabei Menschen getötet.

Auf der zentralen Trauerfeier am 3. Juni 1993 sagt Bundespräsident Richard von Weizsäcker: "Die Morde von Mölln und Solingen sind nicht unzusammenhängende, vereinzelte Untaten. Sondern sie entstammen einem rechtsextremistisch erzeugten Klima. Auch Einzeltäter kommen hier nicht aus dem Nichts. Rechtsextreme Gewalt, so gedankenarm sie auch wirkt, ist doch politisch motiviert. Sie hat zugenommen."

Das politische und gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik ist nicht unschuldig an den grausamen Vorfällen. Seit der Bundestagswahl 1990 wird mit der so genannten "Asylproblematik" Wahlkampf gemacht. Slogans wie "Das Boot ist voll" beherrschen die Stammtische, die Mörder fühlen sich von "Volkes Stimme" getragen. In der Folge scheint es tatsächlich, als beuge sich die Politik ihrem Begehren: Anstatt den Aufenthaltsstatus der Migranten - etwa in Form der doppelten Staatsbürgerschaft - abzusichern, wird die Asylgesetzgebung verschärft.

In Solingen entwickelt sich aus dem Schock eine große Wachsamkeit und die Entschlossenheit, eine Kultur der Zivilcourage zu etablieren. 2005 wird die Stadt Solingen, Schauplatz des heimtückischsten Verbrechens an Einwanderern, mit dem Integrations-Preis des Bundesministeriums des Inneren ausgezeichnet.

Bilder

Untere Wernerstraße Foto Dietrich Hackenberg

 

Beschriftung eines Transparentes an der Wand der Brandruine.
"Born there, Burned There" lautete auch die Titelzeile eines Artikels im Time Magazine vom Juli 1993 zur deutschen Einwanderungspolitik und zum Staatsbürgerrecht: "The arson murders of five Turks force Germany to reconsider its bloodbased citizenship laws".

Foto.  Stadtarchiv Solingen.