Nordrhein-Westfalen
Vorschlag

Erinnerungsort

Objekt: Das Jüdische Arbeitsamt in Duisburg

Adresse: Quergasse 4, Duisburg (Altstadt)

Migrationsereignis

Kurzbeschreibung: Jüdische „Malocher“ kamen aus den russisch-polnischen Gebieten ins Ruhrgebiet.

Zeitraum: 1919-1927

Beschreibung: Während des Ersten Weltkrieges waren Tausende Juden aus dem russisch-polnischen Okkupationsgebiet nach Deutschland geholt worden, um in der deutschen Rüstungsindustrie zu arbeiten. Nach Kriegsende kamen weitere Ostjuden nach Deutschland, die vor Pogromen geflohen waren. Die Zahl der ostjüdischen Arbeiter im Rheinland und in Westfalen lässt sich nicht exakt bestimmen. Josef Neuberger (Josef Neuberger, Die Hauptwanderungen der Juden seit 1904, Staatswiss. Diss., Köln 1927, S. 42), der spätere NRW-Justizminister, spricht von 4.000 ostjüdischen Arbeitern im rheinisch-westfälischen Industriegebiet im Jahre 1921, die allein im Bergbau unter Tage beschäftigt gewesen sein sollen, sowie von insgesamt ca. 13 - 15.000 in dieser Industrieregion Beschäftigten. Den letzten Kulminationspunkt erreichte die Zahl der ostjüdischen Arbeiter in Deutschland während des Ruhrkampfes 1920. Von dieser Zeit an nahm die Zuwanderung rapide ab.
Von den bei Kriegsende bestehenden insgesamt achtzehn Zweigstellen des Arbeiterfürsorgeamtes befanden sich drei im rheinisch-westfälischen Gebiet – in Duisburg, Bochum und Köln. Das Jüdische Arbeitsamt förderte die Berufsumschichtung bei der jüdischen Jugend, um eine veränderte soziale Gliederung zu erreichen und sie vor den Nachteilen einer einseitigen Berufswahl zu bewahren.
Im Oktober 1919 wurde das Jüdische Arbeitsamt für Rheinland und Westfalen in Duisburg gegründet. Mitinitiator und aktiver Förderer war Harry Epstein, der führende Zionist im Rheinland. Zu den leitenden Sekretären des Duisburger Jüdischen Arbeitsamtes gehörten u.a. Dr. Werner Fraustädter und Dr. Walter Preuß, die beide später eine wichtige Rolle innerhalb der zionistischen Bewegung in Palästina einnehmen sollten. Der erste Sekretär des Arbeitsamtes, Erich Ney, der die Stelle 1919/20 leitete, schrieb über seine Tätigkeit in einem Brief Folgendes: „Es gibt im Augenblick sehr viel zu tun, bis spät in die Nacht Korrespondenzen, Laufereien, bis man alles erledigt, Licht und Telephon angelegt sind, Reisen wegen Arbeitsbeschaffung und anderem und so fort, und doch fühle ich mich ungeheuer im Element. Es macht Spaß und befriedigt." Ney berichtete stolz, er habe 600 ostjüdische Arbeiter in Arbeitsstellen vermittelt. Das Duisburger Jüdische Arbeitsamt bestand acht Jahre. Als es 1927 geschlossen wurde, waren die ostjüdischen Arbeiter längst in die westlichen Industriegebiete, in die USA oder nach Palästina weitergewandert.

Vorschlagende / Vorschlagender

Name: Dr. Ludger Heid, Historiker, Duisburg

Bemerkungen: Literatur zum Thema

Ludger Heid: Maloche - nicht Mildtätigkeit. Ostjüdische Arbeiter in Deutschland 1914-1923. Hildesheim/Zürich/New York 1995.

Ludger Heid: Jüdische Arbeiterfürsorgeämter im rheinisch-westfälischen Industriegebiet 1919-1927. In: Duisburger Forschungen Bd. 43. Duisburg 1997. S. 287-310.